WEIDENDie Malerei des Karl Aichinger und die Allegorieder Welt als Spiegel unsrer selbstEin Essay von Johannes Waldmann
Wie bei Platon ist alles was der Betrachter erhält in seinem Charakter und in seiner inneren Welt schon präexistent und Aichingers Bilder stellen es ihm klar. Sie verdeutlichen was vorher verschleiert war. Sie verhelfen uns die eigene Psyche besser zu verstehen. Dass die Welt - die äußere und die innere Welt eines jeden Individuums - ein Spiegel ist, also eine schlemihlsche Kategorie moralischer Werte, ist ein tiefer Gedanke, der mir aber altbekannt erscheint. Um bei der Kunstkritik zu bleiben, erinnere ich mich an Gustav René Hocke und sein grundlegendes Buch über den Manierismus, " Die Welt als Labyrinth", wo diese Idee auftaucht und behandelt wird. In der Literatur, der unvergleichliche Schriftsteller Jorge Luis Borges verwendet zwei Symbole welche bezeugen, dass die Welt unverständlich, tragisch, unbekannt ist; das Wissen der Welt und über die Welt ist in einer Bibliothek (aus Babylon), in zahlreichen Büchern erhalten. Aber wir können die Regale entlang der Wände nicht erreichen und die Bücher nicht holen. Überall wohin wir uns wenden entgegnen uns die Spiegel, die erbarmungslos widergeben,was wir sind. Was wir denen also geben. In diesem Teil wollte ich nur verdeutlichen, dass der Maler Karl Aichinger, der zwar ein Weidener Origineller ist und allzu gerne mit Worten um sich selbst schmeißt, keineswegs willkürlich gehandelt hat und bei der Namensgebung seiner interessanten Ausstellung sich wirklich und tiefgreifend Gedanken gemacht hat. Zwischen den vielen guten Bildern habe ich nun ein einziges, aber repräsentatives ausgewählt: den Titelträger der Ausstellung. Die - oder derjenige, welche(r) Ordnung, chromatische oder formale Harmonie zu entdecken sucht, ist auf einem falschen Weg. Der Wert des Bildes liegt genau in der Schilderung des zusammenfallenden Gleichgewichtes, in der Änderung eines Wertsystems und in der Kraft des Erleuchtungsprozesses (der weiße Fleck im oberen Teil des Bildes). Eine alte Welt, das ist der in Goethes Faust II erwähnte "Erdenrest", ockerbraun, hat ihre Festigkeit verloren, wird durchlöchert, fällt auseinander. Dunkles, tiefes Braun, Grün, Blau begleiten diese Tragödie. Aber gleichzeitig kommen frische, helle Farbflecken und zeigen uns, dass neues Leben geboren wird und ersetzen die versunkene Welt. Die Berge, in Mittelblau, stehen im Hintergrund und sehen regungslos zu. Und der weiße Strich ist so brutal, so vielsagend, dass man es kaum ertragen kann ! Weil Karl Aichinger und ich uns von der Musik her kennen, komme ich zu einem musikalischen Vergleich. Genau wie in diesem seinem Bild, ist in einer Lieblingssymphonie von mir, und zwar der fünften von Gustav Mahler, dem Mittelteil, einem Scherzo, Mahlers ganzes Credo versammelt und liegt ein Zeugnis von der Welt und Mahlers Zeit, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Lasst mich den Münchener Musikologen Michael Wersin zitieren: Mahler sprach von diesem Satz, so erinnert sich seine Frau als von einem "Chaos, das ewig auf"s Neue eine Welt gebärt, die im nächsten Moment wieder zu Grunde geht". Karl Aichinger, zu den "magischen Realisten" gehörend, minutiös vorausplanend aber mit Spontaneität, Sänfte und sogar Brutalität schaffend, trauert über Vergangenes, Gegenwärtiges aber freut sich über Zukünftiges, ist ein Schöpfer der Schönheit jenseits der Konvention. Er ist einer, der unendlichen Respekt und Demut vor der Schöpfung hat, und Lichter schafft im Chaos. Ein wertvoller Künstler! |